Leon

Dies ist die Geschichte von Leon aus Ulm. Seine Geschichte ist etwas anders. Er wuchs bis zu seinem Tod geliebt und behütet auf. Leon musste sterben, weil seine Mutter sich nicht in der Lage sah, die enormen angehäuften Schulden zu bewältigen. Er wurde in der Nacht zum 10. Oktober 2012 von seiner Mutter getötet. Es wäre sein 9. Geburtstag gewesen.

Leon und seine Mutter hatten ein liebevolles Verhältnis. Nachbarn schilderten ein intaktes Miteinander und die Mutter habe sich stets um ihren Sohn gekümmert. Niemand konnte sich vorstellen, wozu die Mutter fähig sein würde.

Als im Sommer 2012 Leons geliebte Ur-Oma starb, zu der die Mutter offenbar ein inniges Verhältnis pflegte, geriet ihr Leben immer mehr aus den Fugen.

Der Vater lebte bereits seit einigen Monaten von der Mutter getrennt und hatte zum Unterhalt der Familie schon lange nichts mehr beigetragen. Unmittelbar vor der Tat geriet Leons Mutter immer tiefer in einen Sumpf aus Rechnungen, Mahnverfahren und Zwangsanordnungen. Ausgerechnet am Tag von Leons 9. Geburtstag wurde die Zwangsräumung der kleinen Wohnung angeordnet. Zahlreiche Behördenvertreter, unter anderem das Jugendamt und die Schuldnerberatung, baten der 38-jährigen Frau Hilfe an, um die Anordnung zu verhindern. Doch sie nahm sie nicht an. Inzwischen hatte sie den Entschluss gefasst, sterben zu wollen.

In der Nacht zum 10. Oktober 2012 bereitete Leons Mutter für seinen morgigen Geburtstag einen Kuchen zu. Gegen Mitternacht entschloss sie sich, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Zuvor jedoch würde sie ihren Sohn „vorausschicken“, da sie keineswegs wollte, dass dieser nach ihrem Tod bei der verhassten Großmutter aufwachsen würde.

Mit einem Kissen versuchte die Mutter, den friedlich schlafenden Leon zu ersticken, doch der Versuch misslang. Im Moment seines Erwachens glaubte Leon, es sei schon früh am Morgen und freute sich auf seinen Geburtstag. Die Mutter nutzte dies aus und lockte den ahnungslosen Jungen unter dem Vorwand, ihn für seinen Geburtstag hübsch machen zu wollen, in die Badewanne. Dort drückte sie Leon minutenlang unter Wasser. Um 0:15 Uhr starb Leon.

Anschließend trocknete sie ihren toten Sohn ab, zog ihn an und legte ihn in sein Bett. Sie unternahm mehrfach Versuche, sich selbst zu töten. Als diese alle misslingen, rief sie am Morgen des 10. Oktober die Polizei. Die Beamten fanden die schwer verletzte Frau und den toten Leon, aufgebahrt in seinem Kinderbett. In der Küche stand noch immer der unangerührte Geburtstagskuchen.

Gerichtsurteil:
In der Verhandlung hatte das Gericht die Frage zu klären, ob es sich bei der Tat um einen (wie von der Verteidigung dargestellten) so genannten „erweiterten Selbstmord“ handelte und damit als Verzweiflungstat ein milderes Urteil vertreten würde. Die Staatsanwaltschaft forderte lebenslange Haft, da die Mutter die Arg- und Wehrlosigkeit ihres Kindes ausgenutzt hatte. Außerdem war der Mutter vom Gericht volle Schuldfähigkeit sowie eine „feindselige Willensrichtung“ gegenüber Leon nachgewiesen worden. Der Vorsitzende Richter fand klare Worte und sah den Mordvorwurf der Staatsanwaltschaft bestätigt.

Ist es dem Kind gegenüber wohlwollend gemeint, wenn ich im Vorfeld nichts unternehme, um die aktuelle Lebenssituation des Kindes zu erhalten?“ Quelle: Focus, 22.04.2013

Am 22. April 2013 wurde Leons Mutter zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.