Colin

Das ist die Geschichte von Colin aus Duisburg. Er wurde am 14. Oktober 2004 geboren und starb mit nur sieben Monate. Sein kurzes Leben war geprägt von fürchterlichen Schmerzen, die ihm seine Eltern zufügten. 38 Blutergüsse und Prellungen wurden bei der Obduktion gezählt. Sein Leid endete am 17. Mai 2005, nachdem ihn seine Eltern verhungern und verdursten ließen.

Colin kam am 14. Oktober 2004 mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt. Seine Eltern schenkten ihm jedoch weder Liebe noch Geborgenheit. Stattdessen musste Colin schwere körperliche Misshandlungen über sich ergehen lassen. Über einen längeren Zeitraum schlugen die 21-jährige Mutter und der 28-jährige Vater mit den Fäusten auf ihr wehrloses Baby ein. Colins Kopf und Oberkörper wies zahlreiche Hämatome auf.

Die Eltern quälten ihren wenige Monate alten Sohn nicht nur mit Faustschlägen, sondern ließen ihn zudem hungern und gaben ihm nicht genügend zu trinken.

Colin musste aufgrund seines Herzfehlers regelmäßig zu ärztlichen Kontrollen. Während der Untersuchungen fielen die Verletzungen zwar auf und konnten auf körperliche Misshandlung zurückgeführt werden, doch die Ärzte beließen es vermutlich bei einer mündlichen Zurechtweisung.

Am 17. Mai 2005 hatte Colin einen Termin bei einer Physiotherapeutin. Sie erkannte, dass Colin dehydriert und unterernährt war und in Lebensgefahr schwebte. Auch die körperlichen Misshandlungen fielen ihr auf. Doch statt selbst einen Notruf abzusetzen, bat sie den Vater, mit seinem Sohn sofort zum Arzt zu gehen. Traurigerweise glaubte sie dem Vater die Lüge, dass er mit Colin bereits am Morgen einen Arzt aufgesucht habe und am Nachmittag nochmals hingehen werde. Noch am selben Tag starb Colin.

Die Eltern alarmierten einen Notarzt, der allerdings nur noch den Tod feststellen konnte. Sie behaupteten, Colin sei an seinem Herzfehler gestorben. Bei der Obduktion konnte aber zweifelsfrei festgestellt werden, dass Colin aufgrund einer andauernden Mangelernährung starb und sein kleiner Körper völlig ausgetrocknet war. Zum Zeitpunkt des Todes wog er mit seinen sieben Monaten nur noch 4.200 Gramm. Außerdem wurden die körperlichen Misshandlungen aufgedeckt. Colin hatte 38 Blutergüsse und Prellungen.

Über seine Beisetzung liegen uns leider keine Informationen vor.

Gerichtsurteil:
Gegen beide Elternteile wurde ein Haftbefehl wegen Kindesmisshandlung erlassen. Dem Vater wurde zudem Totschlag durch Unterlassen vorgeworfen.

Da sich die Eltern gegenseitig die Schuld zuwiesen und keine weiteren Personen die Misshandlungen an Colin durch einen bestimmten Elternteil bezeugen konnten, fielen die Haftstrafen dementsprechend gering aus. Die Mutter musste für etwas mehr als drei Jahre ins Gefängnis und der Vater wurde zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.

Meilenstein im Kinderschutz:
Im Jahr 2005 wurden allein in Duisburg fünf Kinder von ihren Eltern schwer misshandelt und getötet. Eines dieser Kinder war Colin. Der Duisburger Polizist Heinz Sprenger ermittelte in diesen Fällen und war geschockt von den sich häufenden Misshandlungen mit Todesfolge. Er machte es sich zur Aufgabe, die Kinder zu schützen und zu retten. Denn in seinen Augen hatten Behörden und Ärzte oft versagt. Viele Kinder hätten gerettet werden können.

Sprenger setzte sich daher für ein ärztliches Meldesystem ein, um Misshandlungen schneller aufzudecken – mit Erfolg.

Seit Juni 2007 gibt es die „Risikokinder-Informationsdatei“ (kurz: RISKID) in der Duisburger Region. Eltern wechseln häufig den Kinderarzt, um die Misshandlungen zu verbergen. So können sie den Ärzten immer wieder neue Lügen über die Verletzungen auftischen und eine längere Beobachtung des misshandelten Kindes vermeiden. Niemand schöpft Verdacht und die Kinder sind den Eltern weiterhin schutzlos ausgeliefert.

RISKID kann dies verhindern. In dieser passwortgeschützten Datei können alle angeschlossenen Ärzte ein Kind mit verdächtigen Verletzungen oder überforderten Eltern eintragen. So könne bei einer Neuvorstellung der kleinen Patienten in der Datei überprüft werden, ob bereits ein anderer Mediziner Auffälligkeiten festgestellt und eingetragen hat. Häufen sich die Fälle, wird umgehend die Polizei informiert. So gelingt es, dass gefährdete Kinder aufgelistet und geschützt werden können.

Im Oktober 2010 waren bereits 238 Kinderärzte, zwei Kinderkliniken sowie die Sozialpädagogischen Zentren in der Region miteinander vernetzt. Mehrere hundert Kinder standen zu diesem Zeitpunkt in RISKID unter Beobachtung. Alle teilnehmenden Ärzte werden für RISKID durch die Eltern von der Schweigepflicht entbunden.

Das Ziel von Sprenger: Eine bundesweite Einführung der „Risikokinder-Informationsdatei“.